DIE WOGEN DER DRINA
Copyright Sonja Henisch
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN: 978-3-99028-042-3
LESEPROBEN
1. Kapitel
Blut. Viel Blut hat er im Lauf der Jahrhunderte mit sich getragen, der blutige Fluss. Menschenleiber, die oben, auf der
Brücke von Visegrad noch lebten wurden niedergeschossen, die Körper hat man mit Messern aufgeschlitzt, und sie
manchmal noch lebend ins Wasser geworfen. Duldsam hat sich der Fluss an seinen Steinen vom Blut gereinigt, sich an
Böschungen der Leichen entledigt. Irgendwann ist es zu viel geworden. Seine blutigen, leidvollen Wogen sind bis zu
uns übergeschwappt.
Eine Schulklasse mit Jugendlichen war unterwegs im Wiener Prater.
Hinter dem Lusthaus wanderten sie den Weg durch den dichten Auwald.
Die Klassenlehrerin ging mit einer Kollegin voran. Sie hatten vor, am Ende des Waldes die Verbindungsstraße zu
überqueren, um bei der Friedenspagode zu rasten.
"Mehmet, gib deine dreckigen Pfoten weg von mir!", rief Hatice so laut, dass es die anderen auch hören konnten.
Mehmet, ein stämmiger, dicklicher Bursche mit dichter Haarbürste und der Ausstrahlung eines Teddybären, fragte
etwas verwirrt: “Ich, wieso ich? Ich hab dir doch gar nichts getan?"
"Eben deshalb sagt sie dir das, damit du gar nicht erst auf dumme Ideen kommst!", höhnte jetzt Murat, der gut einen
Kopf größer als Mehmet war, "so schöne Frauen wie Hatice eine ist, von denen könnt ihr Bosnier doch nur träumen!"
"Ach, gib doch Ruhe!", erklärte Mehmet beschwichtigend. Dann fiel ihm ein: "So schön wie Hatice war meine Kusine
noch lange!"
"So schön wie Hatice? Und wo ist diese Kusine, die hast du uns noch nie gezeigt!"
"Tot!", antwortete Mehmet, "von den Scheißserben ermordet!"
Jetzt schaltete sich Slavko ein: "Hast du Scheißserben gesagt oder hab ich falsch gehört? Wenn ich richtig gehört
habe, kriegst jetzt eine in die Goschen!"
Izet, Mehmets Freund war stumm, mit den Händen in den Jackentaschen daneben her gegangen. Als Slavko sich
aber auf Mehmet stürzte, diesen zu Boden riss und ihn mit den Fäusten bearbeitete, so dass diesem Blut aus der Nase
spritzte, versuchte er seinem Freund zu helfen und Slavko von Mehmet weg zu zerren. Slavko sprang mit einem Satz
hoch und verpasste Izet einen Schlag in die Magengrube. Im nächsten Augenblick schrie er jedoch jappend auf. Ein
Messerstich hatte seinen Arm verletzt.
"Hilfe, der blutet wirklich!", schrieen Hatice und die anderen Mädchen durcheinander. Ein Knäuel von aufgeregten,
jungen Menschen hatte sich um die Burschen gebildet. Das Geschrei hatte die beiden Lehrerinnen auf die
Auseinandersetzung aufmerksam gemacht. Rasch eilten sie herbei. Ohne zu fragen, holte die ältere Kollegin das
Verbandzeug aus ihrer Umhängetasche, zog Slavko die Jacke aus und begutachtete die Verletzung.
"Gott sei Dank ist es nicht arg!", meinte sie, während sie das Desinfektionsmittel öffnete, um die Verletzung damit von
Keimen zu reinigen.
"Wie ist denn das passiert, wer hat Slavko verletzt?", wollte die jüngere Lehrerin von den Jugendlichen wissen.
"Izet war das, der hat ein Messer mit!", beeilte sich Hatice der jungen Frau mitzuteilen.
"Was? Ein Messer? Izet, komm sofort her und gib mir das Messer, wenn du eines hast!", kommandierte sie.
Mit gesenktem Kopf schlich Izet näher.
Als er neben der Lehrerin stand, murmelte er: "Die waren echt gemein! Mehmet hat Hatice nichts getan und sie haben
ihn beschuldigt, lästig zu sein. Dann hat Mehmet gesagt, die Scheißserben hätten seine Kusine umgebracht. Darauf hin
hat Slavko ihm die Nase blutig geschlagen." Langsam zog er das Taschenmesser aus seinem Ärmel hervor.
"Und was hat das mit dir zu tun. Wegen so etwas zieht doch kein normaler Mensch ein Messer?", schaltete sich die
ältere Lehrerin ein, die in der Zwischenzeit Slavko einen Verband verpasst hatte. "Ist dir klar, dass wir eine Meldung
machen müssen?"
"Er hat mich in die Magengrube geschlagen, da ist mir kurz schwarz vor den Augen geworden. Ich habe nicht mehr
nachgedacht, ich musste mich wehren!"
"So, du musstest dich wehren? Meinst du, dass das die einzige Möglichkeit ist, sich zu wehren? Was wäre, wenn du
Slavko gefährlich verletzt hättest? Du kannst dir mit so einer Aktion dein Leben versauen, aber wahrscheinlich verstehst
du das gar nicht!", schloss die Pädagogin ihren Monolog.
Sie wählte die Telefonnummer von Izets Mutter und bat diese, möglichst rasch in die Schule zu kommen. Genaueres
wollte sie am Telefon nicht mitteilen. Danach änderte die Gruppe ihre Richtung und marschierte zurück in den dritten
Bezirk.
Während sich die Schüler in ihrer Klasse aufhielten und von einer anderen Lehrperson beaufsichtigt wurden, machte
die Schulleiterin mit Izet eine schriftliche Aufzeichnung über das, was geschehen war.
Die beiden Kolleginnen, Frau Magister Seewald, eine Englischlehrerin und Frau Magister Blümel, die Zeichenlehrin,
warteten im Lehrerzimmer auf Izets Mutter. Wenig später klopfte es an der Tür. Die junge Lehrerin öffnete und Frau
Begovic, eine zarte, sehr jung aussehende, dunkelhaarige Frau trat ein. Hinter ihr betrat eine etwas korpulente Frau,
die sie als ihre Freundin vorstellte, das Zimmer.
"Ich habe Frau Djurdjevic, meine Freundin, mitgebracht, weil sie kann besser Deutsch. Hat Izet etwas angestellt?",
fragte sie scheu und sichtlich verlegen.
"Das kann man wohl sagen!", meinte Frau Seewald., "Wussten sie, dass ihr Sohn ein Messer bei sich trägt?"
"Ein Messer? Ist doch nichts Schlimmes! Fast jeder junge Mann hat Messer, oder? Ist das verboten?", fragte Frau
Begovic und war davon überzeugt, ihren Sohn schützen zu müssen.
"Erstens ist ein Messer in der Schule verboten. Und außerdem sticht nicht jeder, der ein Messer hat, auf einen anderen
ein und verletzt ihn!", teilte Frau Seewald der Mutter mit.
"Mein Sohn hat...was hat er gemacht?", Frau Begovic rang nach Worten. Sie konnte es nicht begreifen und griff nach
der nächsten Sessellehne.
"Bitte, nehmen sie doch Platz", sagte Frau Blümel und schob den beiden Frauen zwei Stühle hin. Umständlich setzten
sich die beiden. Sie flüsterten kurz in ihrer Muttersprachen miteinander.
"Ihr Sohn ist mit einem anderen Burschen in Streit geraten und hat diesen mit dem Messer am Arm verletzt. Wir
müssen leider die Meldung machen. Wir werden die Beteiligten noch über den Hergang genau befragen. Ist ihnen
schon früher aufgefallen, dass Izet aggressiv ist?", wollte Frau Seewald von Izets Mutter wissen. Diese ließ sich die
Frage von ihrer Freundin übersetzen. Dann weiteten sich ihre Augen.
"Wenn er verärgert ist, werden seine Augen immer wie die von diesem Mann!
Ich will nicht, wenn Bub ist böse, werde mit ihm reden…"
"Frau Begovic, wir wollen das auch nicht, vor allem wenn er anderen und sich selbst Schaden zufügt. Dieser Hergang
kann einerseits rechtliche Folgen haben, andererseits, und das fände ich besser für Izet, wird der Schulpsychologe ein
Gespräch mit Izet führen. Es gibt mehrere Institutionen in Wien, die jungen Menschen wie Izet versuchen zu helfen, "
informierte die junge Lehrerin.
"Aber mein Sohn ist nix deppat!", die Behauptung klang fragend in einem beleidigten Ton.
"Nein, Frau Begovic, davon sind wir alle überzeugt!", beruhigte Frau Blümel die aufgeregte Frau.