LESEPROBEN
„Ich geh jetzt zur Untersuchung in die Klinik“, sagte Franziska. „Weibi“, sie wurde sogar bis ins hohe Alter so genannt,
antwortete: „Du weißt doch, ich hab schon Eileiterdurchblasungen machen lassen und auch sonst alle möglichen
Untersuchungen. Die Ärzte haben festgestellt, dass ich kann nicht schwanger werden kann. Außerdem ist meine
Unterwäsche heute nicht die Beste.“ Franziska blieb beharrlich:
„Es schadet doch auf keinen Fall, wenn du dich wieder einmal anschauen lässt!“
Also schlenderte Weibi neben ihrer dickbäuchigen Freundin her, Richtung „Lucina“, nicht ohne sie wegen ihres Bauches
und des darin schon gehörig strampelnden Babys heimlich zu beneiden. Im Kopf hatte sie ohnehin die Sorge, etwas
wäre nicht ganz in Ordnung. Obwohl sie regelmäßig ihre Blutungen bekam, fühlte sie sich schwer, mit einem Knoten im
Unterbauch. Bei sich dachte sie an einen Tumor, schob diesen Gedanken aber ganz schnell wieder beiseite.
Hans war erst seit wenigen Monaten aus der französischen Gefangenschaft zurück. Bedingt durch seinen Einsatz bei
der Resistance durfte er in der Nähe von Nizza ein Gefangenenlager leiten, wo er für das leibliche Wohl der vor
gefangen genommenen österreichischen Soldaten der ehemals deutschen Wehrmacht zu sorgen hatte, so gut er es
vermochte. Stolz hatte er berichtet, wie er für mehr als fünfzig Personen Knödel zubreitet hatte. Knödel und Kohl! Da
hatten alle gewaltig zugeschlagen. Nachher hatten die Mägen und Därme revoltiert. Aber geschmeckt hatte es allen und
es war eine riesige Abwechslung nach den ewigen Kartoffeln gewesen. Nun war er wieder da, der Hans, schmal, blond
und mit glänzenden Augen stand er da und umarmt hat er sie, als würde er sie nie wieder loslassen wollen. Vergessen
waren die Gedanken, dass er vielleicht nur einen Unterschlupf gesucht hatte, nachdem Mizzis Mann wieder zurück war
und förmlich gerochen hatte, dass da noch ein anderer sein müsse. Also waren Mizzi und Manja damals zur
geschiedenen Weibi gekommen, hatten Hans mitgeschleppt, alsbald behauptet, einen Krug Bier holen zu wollen und
blieben verschwunden.
Hans aber machte Weibi Komplimente, die sie nicht verstand. Sie war in ihrem Arbeitskittel beim Fensterputzen
überrascht worden und kam sich verschwitzt und unordentlich vor. Sie ahnte nicht, wie reizvoll sich ihre vollen Brüste
unter dem Stoff abzeichneten, ihre dunklen, vollen Locken ihr weiches Gesicht umrahmten und ihre blauen Augen zu
blitzen begannen. Hans fand sie umwerfend erotisch und naiv zugleich, eine für Männer berückende Mischung. Nach
einem gemeinsam getrunkenen Malzkaffee verabschiedete er sich, versprach aber bald wieder zu kommen, was bereits
am nächsten Tag wieder geschah. Tag für Tag stand er vor ihrer Tür, wenn sie vom Milacek nach Hause kam, wo sie für
wenig Geld Mehl verpacken half. Dafür war aber immer Brot da, was ihr dann später während des Krieges eine große
Hilfe war.
Hans bedrohte Konrad, Weibis Exmann, der diese mit einer Krankenschwester betrogen hatte, um Geld für ein
Motorrad zu bekommen. Nur damit hatte er die Möglichkeit, den Job bei den Heilmittelwerken zu kriegen, um
Medikamente auszufahren. Um jene Krankenschwester, die er als Sportlehrer auf dem Eis kennen gelernt hatte, zu
beeindrucken, war ihm leider nichts besseres eingefallen, als sich von Weibis gelähmten Vater Geld zu leihen. „Ich will
deiner Tochter zu Weihnachten einen Ring kaufen“, soll er dem alten Herrn gesagt haben und der hatte ihm das Geld
bereitwillig geliehen.
Das Pech war nur, dass der alte Vater nach den Feiertagen „Weibi“ nach dem Ring fragte und damit kam alles ans
Licht. Konrad hatte sich von „Weibi“, die alles andere als risikofreudig war, im Stich gelassen gefühlt, als er sie bat, sie
solle ihm für den nötigen Geldbetrag bürgen. Die Krankenschwester war sofort bereit, ihm alles Geld zu leihen, als er
ihr schöne Augen machte, nur war es danach schwer für ihn, sie wieder los zu werden.
Weibi reagierte ohne Verständnis, war in ihrem Stolz gekränkt und reichte die Scheidung ein, was damals eine
außergewöhnliche Handlung für eine junge, einfache Frau war.
Vielleicht hätte sie sich mit ihrem Konrad wieder ausgesöhnt, der auch sehr oft mit roten Rosen vor ihrem Wohnhaus
wieder aufkreuzte und recht reuig dastand, wäre da nicht der beharrliche und fordernde Hans gewesen. Zwischen zwei
feschen Männern zu wählen war auch damals schon eine heikle und verwirrende Angelegenheit Also beschloss die
begehrte Weibi zu einer Kusine nach Kritzendorf auf Urlaub zu fahren. Während dieser zwei Wochen hoffte sie, einen
klaren Kopf zu bekommen und die richtige Entscheidung zu treffen. Ungeschickter Weise gab sie Hans die
Wohnungsschlüssel, damit er ich sich in ihrer Abwesenheit um die kleine Wohnung kümmert. Was sie genau damit
gemeint hatte, war unklar. Jedenfalls hatte es bewirkt, dass Hans in der Zwischenzeit sein Untermietszimmer in der
Nähe des Franz Josef Bahnhof geräumt hatte. Die Vermieterin hatte Weibi mitgeteilt, dass es sich bei diesem Herrn
um einen ausnehmend netten und ordentlichen Untermieter handelte. Hans war aber in diesen Tagen nicht irgendwo
anders hin gezogen, sondern in Weibis Zimmer- Küche -Wohnung. Viel hatte er nicht mitzubringen gehabt. Im
Wesentlichen sei es ein kleiner Handkoffer mit alten Socken gewesen, erzählte sie später oft.
Als Weibi von Kritzendorf zurückkam, fühlte sie sich überrumpelt. Sie getraute sich Hans aber nicht hinauszuwerfen,
wegen der Leute, behauptete sie. „Die Leute“ spielten in ihrem Leben eine große Rolle.
Später merkte sie, dass Hans sich illegal politisch betätigte. Aber nicht so, wie viele andere für die Nazis, sondern
dagegen. Sie hatte sich politisch nie interessiert, obwohl sie jahrelang in Fabriken gearbeitet hatte, wo sie nicht einmal
auf die Toilette durfte, und sich dabei ein lebenslanges Darmleiden geholt hatte. Trotzdem hing sie ihm jetzt an den
Lippen, wenn er ihr aus dem marxistischen Manifest vorlas, ihr den Imperialismus erklärte, sie aufmerksam machte, wie
die bestehende, allgemeine Arbeitslosigkeit und der Preisverfall unweigerlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch
führen müsse und dass der Anschluss an Deutschland, die Arbeitsplätze in Munitionsfabriken und der Straßenausbau
zu nichts anderem als zu einem Krieg führen könne.
Daraufhin kratzte sie ihr bisschen Erspartes zusammen und kaufte sich ein damals neues, bequemes Doppelbett,
Teppiche und eine Singer Nähmaschine. Mit Hans fuhr sie, die Geschiedene, an einem heißen Sommertag nach
Ungarn, geschminkt, was sie sonst nie war. Dort sollte es ihr möglich sein, nochmals eine Ehe einzugehen. Im schönen
Budapest im dortigen Rathaus teilte man dem Paar mit, dass dem nicht so sei. Also schlenderten sie etwas enttäuscht
durch die Innenstadt, speisten in einem Innenstadtlokal gefüllte Paprika, tranken herrlich, blumigen Rotwein und
nahmen sich ein Zimmer im Hotel, oberhalb des Lokals. Das hatte den Vorteil, nicht mehr weit gehen zu müssen.
Das Zimmer war noch sonnig, als sie es betraten. Ein kleiner Erker bot einen Blick auf die Hauptstraße. Davor war ein
schwerer, bequemer Ohrensessel. Das doppelte Stahlrohrbett war mit sonnengelben Stoffstreifen am Kopf und Fußteil
behängt und mit einem Spitzenüberwurf bedeckt, daneben waren dunkle Nachtkästchen mit Lämpchen auf beiden
Seiten. Sonst war da noch ein Kasten im Art Deco Stil, sowie ein dazu passender Waschtisch, auf dem eine
Keramikschüssel und ein Krug standen. Zwei Sessel und ein zierlicher Tisch rundeten das Bild ab.
Hans schloss die Tür hinter ihnen und versperrte sie. Dann zog er sie an sich, schob ihr buntes, blumiges Chiffonkleid
über die Schulter und küsste ihre auffordernden Brüste. Sie begann schwer zu atmen.
Sie sah ihn an. “Und du liebst mich?“
„Ja.“
„Nicht wahr, du hast doch gesagt, dass du mich lieb hast!“
„Ja“, log er. “Ich hab dich lieb. “Er hatte es nie vorher gesagt.
„Und du wirst mich gewiss nie betrügen, so wie er es getan hat?“
„Nein, wie kommst du denn darauf?“ flüsterte er ihr sanft ins Ohr und knabberte ein bisschen daran.
Insgeheim dachte er, dass sie ein bisschen verrückt sei. Welche Frau könnte denn wirklich glauben, ein fescher Mann
wie er gefiele nicht den anderen Damen. Und dass einer wie er schlecht nein sagen könne, würde sie schon noch
begreifen lernen. Aber sie war besser für ihn, als die Bahnhofsschlampen mit ihren ewigen Forderungen um neue
Kleider und zu bezahlenden Friseurrechnungen. Er dachte an Irmgard, mit ihrem dressierten Sohn, der auf Augenwink
das Zimmer verließ, wenn er sich an den Hosenbund griff.
„Wir spielen ein niederträchtiges Spiel, nicht wahr? sagte sie
„Was für ein Spiel?“
„Sei nicht blöd.“
„Nicht absichtlich.“
WEIBI
Copyright Sonja Henisch
„Aber ich liebe dich doch wirklich, mehr als alle anderen, die vor dir waren“, beharrte er.
Er presste sie wieder ganz fest an sich, sodass sie seinen fordernden Leib spürte.
„Für heute ist es vorbei“, sagte sie und stieß ihn von sich. Sie nahm sich eine Zigarette aus ihrem Täschchen, betupfte
ihre nassen Augen mit einem feinen Taschentuch, zündete sich dann die Zigarette an und schaute auf die Straße. Der
Wind bauschte den Vorhang und verdeckte sie halb. Blaue Wölkchen stiegen langsam hoch und lösten sich nach
draußen schwebend in nichts auf.
Nur wegen dem Gerede der Leute ließ sie ihn weiter bei sich wohnen. Oft hatte er als Gepäcksträger am Bahnhof
Nachtdienst. Er verdiente dabei nicht schlecht und half ihr bei ihren Zahlungen. Sie hatte eine besser bezahlte Arbeit im
dritten Wiener Gemeindebezirk bei einer Firma, die Eislutscher erzeugte, bekommen. Die Bedingungen waren gut, der
Vorarbeiter machte ihr Komplimente und die anderen Männer machten ebenfalls große Augen. Vielleicht würde sich
einmal etwas mit einem anderen Mann ergeben, dann könnte sie den Hans möglicherweise wieder loswerden.
Manchmal allerdings, wenn Hans nicht Nachtdienst hatte, stand ein frischer Blumenstrauß in der Vase, wenn er auf sie
wartete, Er sprach nicht viel, wenn sie heimkam, küsste sie auf den Hals und die Brust, dann zog er sie aufs Bett und
schob ihr den Rock hoch.
Sie stellte sich bewusstlos, bis auch ihr Körper seinen leidenschaftlichen Rhythmus übernahm und sie mit einem
berauschenden Glücksgefühl beschenkte.
„Du liebst mich doch, nicht wahr? hauchte sie.
Und dann kam der denkwürdige Morgen. Der Wecker klingelte hart und metallisch. Sie drehte sich hinüber um nach
Hans zu tasten und griff in den kühlen Polster. Sie fuhr hoch und merkte mit einem Schlag seine Abwesenheit. Das
Nachtkästchenlämpchen anknipsend, fuhr sie in ihre Hausschuhe, band sich den Schlafrock um und verließ die
Wohnung um draußen im dämmrigen Licht die Gangtoilette aufzusuchen. Dort fiel ihr aber auch nicht ein, wo er sein
könnte. Vor sich hinstarrend zündete sie in der schmalen Küche die Gasflamme vom Herd an, stellte einen kleinen Topf
mit Wasser darauf und bereitete sich den Kaffee. Als sie den Kaffee trank, rauchte sie mit hastigen Zügen eine Zigarette.
„Da muss etwas passiert sein!“ schoss es ihr zuerst durch den Kopf.
Dann aber kam die dunkle Vermutung auf: „Ist er vielleicht bei einer anderen?“
Rasch schob sie diese Gedanken zur Seite, kleidete sich an, stellte die Tasse in die Abwaschlade und verließ die
Wohnung. Als er abends noch immer nicht da war und sie auch keine Nachricht erhalten hatte, begab sie sich zum
Wachposten. Der telefonierte mit der Zentrale und schob ihr einen Zettel mit einer Adresse hin.
„Da können sie nachfragen, wenn sie wollen“, deutete er ihr und wendete sich sofort von ihr ab. Sie ergriff zögernd den
Zettel, steckte ihn mit zitternden Händen in ihren Mantelsack und schleuderte dann voll Wut und Empörung die Glastür
hinter sich zu. Sie sah gerade noch aus den Augenwinkeln, wie der Uniformierte aufsprang und ihr erbost nachschaute.
Ungeschickt sperrte sie ihre Wohnungstür auf, schaltete das Licht an, wusch sich rasch, putzte noch ihre Zähne, leerte
das schmutzige Wasser in den Eimer und fiel danach erschöpft ins Bett. Unruhig wälzte sie sich aber stundenlang hin
und her und fand keinen Schlaf. Zerschlagen und voll Panik in ihrem Inneren saß „Weibi“ am nächsten Morgen
elendsfrüh in der Tramway, fuhr zur Oper, bestieg einen Ringwagen und wartete noch in der Dunkelheit vor den
Auslagen auf dem Schwedenplatz. Dann stieg sie die Stiegen bis zur Ruprechtskirche hoch und wollte hinein.
„Ob das ein schlechtes Zeichen ist? “fragte sie sich. „Aber Herrgott noch einmal, wenn es dich gibt, dann musst du doch
überall sein, bitte steh mir jetzt bei! Und auch ihm, auch wenn er nicht an dich glaubt“, dachte sie vor der
verschlossenen Tür.
Langsam kam sie die Stiegen wieder herunter, umschritt das Gestapo-Gebäude nochmals und trat dann zunächst
zögernd ein. Auf einer Tafel befand sich der Orientierungsplan. Sie suchte die Zimmernummer zum Buchstaben S,
prägte sich Stockwerk und Nummer ein und stieg mit immer fester werdendem Tritt den Stiegenabsatz hinauf. Das
Zimmer war leicht zu finden. Sie klopfte und öffnete sofort die Tür.
„Sie wünschen, junge Frau?“ wurde sie von einem großen, schlanken, breitschultrigen Mann lächelnd gefragt.
„Den Herrn Steiner“ antwortete sie hastig, „wo ist er? Seit vorgestern ist er verschwunden. Das darf doch nicht wahr
sein, dass man das mit Menschen macht und kein Schwein davon verständigt. Der hat gewiss nichts verbrochen, der ist
anständig, für den leg ich meine Hand ins Feuer!“
„Davon würde ich ihnen in diesen Zeiten abraten“, meinte gelassen der breitschultrige Mann in Hemdsärmeln. „Wissen
sie eigentlich wo sie sich befinden?“ Dabei erhob er sich und machte ein paar Schritte hinter seinem Schreibtisch hervor.
Sie erkannte seine SS-Stiefel und glaubte in Ohnmacht fallen zu müssen. Er öffnete einen Schrank, füllte ein Glas mit
Cognac und reichte es ihr.
„Nehmen sie bitte Platz.“
Sie kippte förmlich in den Armstuhl.
„Ich kann ihnen sagen, es ist für Sie ein Glück, dass sie bei mir gelandet sind und dass sie so attraktiv aussehen. Bei
den meisten meiner Kollegen wären sie jetzt verhaftet und müssten schon auf den Abtransport warten.“ Er nannte einen
Ortsnamen, den sie kaum verstand. In ihrem Kopf tickte es, sie konnte überhaupt keinen Gedanken fassen.
„Beruhigen sie sich“, setzte der junge SS-Offizier fort. „Ich werde ihnen, so gut ich es vermag, helfen. Aber, um Gottes
willen, reden sie mit keiner Menschenseele darüber! Wie heißt der Mann nochmals, um den sie in Sorge sind?“
Sie nippte an dem Glas und hoffte wieder ihre Festigkeit zu finden. „Hans Steiner“, stieß sie hervor.
„Wo wohnt er und in welchem Verhältnis steht er zu ihnen?“
„Er ist mein Lebensgefährte und lebt bei mir“, sagte sie tonlos.
„Geburtsdatum und Ort des Herrn?“
Sie nannte die Daten.
Der Offizier durchblätterte eine Kartei. „Da ist er!“ zischte er durch die Zähne, „illegales Flugblattverteilen gegen das
Deutsche Reich. Abtransport zunächst nach Bochum. Dort Verhandlung, im schlimmsten Fall Tod durch Erschießen. Im
besten Fall Einsatz bei der Wehrmacht bei Bahntransporten. Möglicherweise Einsatz in Kampfgebieten. Wieso ist er
übrigens noch nicht eingezogen worden?“
Weibi zuckte nur mit den Schultern und brach in verzweifeltes Schluchzen aus. Er streichelte ihr beruhigend über ihr
langes dunkles, naturgelocktes Haar und sprach: „Na, na Kindchen, so heiß wie gekocht wird, wird noch lange nicht
gegessen. Welchen Beruf hat er denn?“
„Er arbeitet als Gepäcksträger auf der Bahn, aber er ist gelernter Schlosser“, teilte sie ihm mit.
„So, Schlosser, da ließe sich vielleicht etwas machen. Verzweifeln sie nicht. Ich will ihnen helfen. Sie werden von mir
verständigt.“.
Er half ihr beim Aufstehen und geleitete sie zur Tür. „Und merken sie sich meinen Namen. Wenn sie in Sorge sind und
es ihnen nicht gut geht, melden sie sich bei mir“, wies er sie an. Er nannte ihr seinen Namen. Lächelnd bedankte sie
sich mit tränennassen Augen und verließ das Gebäude.
Die nächsten Tage vergingen für sie wie in Trance. Manchmal dachte sie, sie durchlebte einen Alptraum, der doch
irgendwann enden müsse. Sie aß kaum, schlief schlecht und schaffte es nur mit größter Mühe, ihrer Arbeit
nachzugehen.
„Die Arbeit auch noch zu verlieren, das wäre das letzte, was mir noch passieren dürfte“, dachte sie sich insgeheim.
An der Tür klopfte es. Die schmale, blonde Schuhmacherstochter vom Parterre stand in hohen Lederstiefeln und Jacke
vor der Tür.
„Wir sammeln für die Wehrmacht“, sagte sie forsch. „Alle Stiefeln ab Größe vierzig sind abzuliefern .Das ist ein Befehl
vom örtlichen Gruppenkommandanten.“
„Der Gruppenkommandant kann mich“, entfuhr es Weibi. „Wieso sind denn sie in Stiefeln unterwegs?
Die Blonde errötete zornig: „ Sie wagen es...“ Weibi schnitt ihr das Wort ab. „Ich hab ihnen nicht gesagt, was er mich
kann. Er kann mich gerne besuchen. Er wird bei mir kein einziges Paar Stiefeln finden. Außerdem trage ich Schuhe
Größe neununddreißig.“
„Aber ihr Freund...“, versuchte die Schmale fortzusetzen.
„Der hat auch keine“, und Weibi knallte die Tür vor ihrer Nase zu.
Kurz danach war ein Brief von der Gestapo in ihrem Briefkasten. Sie wurde darin nur höflich informiert, dass ihr
Lebensgefährte Herr Hans Steiner derzeit bei einer Schulung für die Bahn in Bremen sei und es noch ungewiss wäre,
ob er dann Richtung Russland oder Frankreich eingesetzt würde.
Erleichtert legte Weibi den Brief ins Nachtkästchen. Es war seit langem wieder die erste Nacht, die sie in einem
erholsamen Schlaf verbrachte.
Wenn sie gewusst hätte, dass lange, einsame Kriegsjahre mit Bombenangriffen und den Nächten im Luftschutzkeller vor
ihr lagen, hätte sie vielleicht auch diese Nacht nicht so gut geschlafen.
Wegen der Bombenangriffe wechselte sie wieder zur Brotfabrik namens Milacek. Von dort waren es nur wenige Minuten
nach Haus, wenn der Alarm rechtzeitig einsetzte. Die Wochenschauen schilderten den ruhmreichen Einmarsch Hitlers in
Russland, rühmten die technische Ausrüstung der Truppen, man hoffte auf den alsbaldigen Sieg und das Ende des
Krieges. Die Nahrungsmittel wurden knapp, und nur jene, die Kinder hatten, bekamen noch Milch für
Lebensmittelmarken. Einmal kam ein Pferd, das vor einen Fuhrwerkswagen gespannt war, zu Sturz, weil es vor einer
Militärpatrouille gescheut hatte. Weil das rechte Vorderbein gebrochen war, bat der Kutscher darum, das Tier zu
erschießen. Kaum war der Schuss verhallt, kamen von allen Seiten Gestalten mit Messern und Töpfen herbei, um ein
Stück von dem noch warmen, dampfenden Fleisch zu ergattern. Erstaunlich war, dass sie sich bei diesem Gemetzel
nicht gegenseitig die Finger wegsäbelten.
Weibi aß ihr Brot, sehr oft ohne Butter, manchmal kochte sie etwas Gemüse und sie hatte nur ein paar Freundinnen, die
ihr in dieser Zeit beistanden. Mit Hermi machte sie manchmal einen Spaziergang in die Innenstadt, als einmal die Sirene
zum Bombenalarm zu heulen begann. Die Menschen drängten in die an den Maueraußenseiten der Häuser durch
Markierungen gekennzeichneten Luftschutzkeller. Da sich die beiden in der Nähe der Oper befanden, rannten sie zur
Albertina, um im dortigen Schutzbunker Zuflucht zu suchen. Hermi war die letzte, die noch hinein durfte. Dann wurde die
Tür geschlossen. Weibi rannte in Panik weiter. Irgendjemand zog sie in einer Seitengasse in ein Haustor und dann über
die Kellertreppe hinunter in den Schutzraum. Dort saß sie bibbernd im Dunkel auf einer alten Holzkiste zwischen
Menschen, die sie nicht sehen konnte. Als Entwarnung gegeben wurde, stolperte sie die Stiegen hinauf und taumelte,
wieder im Tageslicht in Richtung Albertina. Aber dort, wo sich der Schutzraum befunden hatte, war nur mehr ein großer
Trümmerhaufen.
Dann war einmal der ganze Hintertrakt des Nebenhauses in Schutt gelegt. Vom Kabinettfenster hatte man jetzt freie
Sicht in den Hof des Lazarettes und zur Innenseite des nächsten großen Miethauses. Während der nächsten Tage
kamen einige Frauen und Kinder, die hier aufräumen sollten. Es waren ungarische Juden.
„Ich habe bei Budapest eine Stofffabrik gehabt“, erzählte Judith, eine der Frauen.
Weibi brachte ihnen Handschuhe, Brot und heißen Tee, manchmal Äpfel, wenn die Frauen den Schutt in Behälter
schaufelten und die Ziegel schlichteten, während sie Reste von Möbeln wieder zum Tageslicht beförderten.
„Wenn der Krieg vorbei ist, kommst du mich besuchen, Weibi! Da sollst du es bei mir schön haben“, sagte Judith,
während sich ihre großäugige Tochter Sonja an sie schmiegte.
Eines Tages kamen sie alle nicht mehr. Weibi trug das Goldkettchen um den Hals, das ihr Judith geschenkt hatte.
Mit der Zeit sickerten Nachrichten von Russland durch. Von Einkesselung wurde gesprochen, von Verlusten, von der
Kälte des Krieges. Die Anhänger des deutschen Reiches sammelten sich in der Wiener Innenstadt. Der Stephansdom
brannte, sie zogen sich über die Brücken ans andere Ufer zurück. Die Brücken wurden gesprengt.
Die Russen besetzten sofort die Trost-Kaserne und funktionierten das aufgrund des zerbombten Hintertrakts des
Nebenhauses einsehbar gewordene Lazarett in eine LKW- und Panzerwerkstätte um. Auf dem Heimweg von Ihrem
Arbeitsplatz geschah es nun öfters, dass Weibi von einem jungen russischen Soldaten begleitet wurde. Sie getraute sich
nichts zu sagen und blickte auch nicht auf, wenn er etwas sagte. Die ersten Male versuchte sie Umwege zu finden, um
ihn los zu werden.
Nachdem das keinen Erfolg brachte, gewöhnte sie sich schließlich daran. Sie verschwand jedes Mal blitzschnell hinter
dem Haustor, hetzte dann mit langen Schritten die zwei Stockwerke hoch und versperrte rasch ihre Wohnungstür, hinter
der sie dann eine Weile reglos stehen blieb. Es waren nur das Ticken der Uhr und ihre Atemstöße zu hören, die nach
und nach ruhiger wurden. Einmal sah sie draußen vor dem Gangfenster einen Schatten. Ein sachtes Klopfen auf das
Fenster war zu vernehmen, dann war eine leise Stimme zu hören: „Du, Mann?“
Weibi verhielt sich ruhig. Wieder ertönte dieselbe Stimme, fragend, nicht bedrohlich.
„Die Nachbarn!“ schoss es Weibi durch den Kopf.
Sie öffnete zunächst das Gangfenster.
„Mann in Frankreich“, sagte sie ebenso leise.
„Ich nix wollen böse“, sagte der Soldat in russischer Uniform und hielt ihr eine Stange Wurst hin. Weibi ließ ihn in ihre
Wohnung. Er nahm seine Kappe ab und stand verlegen in der Küche. Sie bot ihm den Stuhl an. Er nahm Platz.
Ungeschickt begann er in seiner Uniformjacke zu kramen und zog dann zwei abgegriffene Bildchen heraus.
„Mama, Papa“, erklärte er ihr, „Du wie Mama!“
Dabei klopfte er sich an die Brust. Dabei stiegen in seinen Augen die Tränen hoch. Er war ein mittelgroßer, brünetter
Bursche mit breiten Backenknochen, braunen Augen und einer fast aristokratisch schmal geschwungenen Nase. Er
freute sich sichtlich, dass die junge Frau sein Gastgeschenk annahm. Weibi öffnete die Brotlade, schnitt zwei Schnitten
Brot ab, zog die Wursthaut geschickt herunter, schnitt auf dem Brettchen mehrer Wursträder herunter und legte sie auf
die Brote. Sie schenkte noch Saft in zwei Gläser. Beide langten zu und aßen schweigend. Als sie gegessen hatten,
stand der junge Mann auf, schloss seine Jacke, nahm seine Kappe und wendete sich zum Gehen. Weibi steckte ihm
rasch einen halben Wecken Brot zu. Seine Augen leuchteten auf, er ergriff rasch ihre Hand und deutete einen Kuss an.
Ab nun hatte sie keine Angst mehr, wenn der junge Aljoscha irgendwo auftauchte. Er brachte ihr oft Tee oder Kaffee,
Wurst und manchmal auch ein Stück Kuchen mit, sie schenkte ihm Brot oder Gebäck.
Oft saßen sie nur schweigend nebeneinander in der Küche. Aljoscha sang leise russische Lieder. Nach und nach
vergrößerte sich sein deutscher Wortschatz. Er versuchte ihr von seiner Heimat und seiner Familie zu erzählen.
„Du wie Mama, jung“, sagte er oft, bevor er sich höflich von ihr verabschiedete. Und einmal kam er, nur um sie zu
umarmen und legte ihr eine kleine Ikone mit dem heiligen Johannes in die Hand. Danach kam er nicht mehr.
Wenige Tage später fand Weibi einen schmalen graugrünen Brief aus Frankreich in ihrem Postkasten, in dem Hans sein
baldiges Kommen aus Frankreich ankündigte. Der Krieg war vorbei!
Für sie war die Zeit des langen Alleinseins vorbei. Leidenschaftlich gab sie sich ihm hin, wann immer er es wollte. Die
Ärzte hatten ihr wiederholt erklärt, sie könne kein Kind bekommen. Das machte sie manchmal traurig. Aber sie genoss
seinen starken Körper, seinen Geruch und seine weichen, warmen Hände, die sie so gut streichelten.
„Du gehst jetzt nie wieder von mir fort“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Nie wieder“, antwortete er und glaubte es in diesem Augenblick.
„Halt mich fest und lass mich nicht los“, forderte Weibi.
Er hielt sie und drang in sie ein und fühlte sich endlich daheim.
Nun betrat Weibi mit ihrer Freundin Franziska die Klinik. Franziska legte beim Schalter die Ambulanzkarte vor, Weibi gab
ihre Versicherungsnummer bekannt und versprach einen Krankenschein zu bringen. Nachdem Franziska mit
zufriedenem Lächeln wieder aus dem Untersuchungszimmer kam, betrat Weibi dasselbe.
„Was führt sie zu uns?“ fragte ein glatzköpfiger Arzt mit Brille
„Meine Freundin...,“stammelte Weibi.
„Sind sie schwanger“, fragte der Arzt weiter, „wann war die letzte Regel?“
„Vor ungefähr zehn Tagen, “ antwortete Weibi, „aber da ist so ein Gefühl, so ein Druck, vielleicht ein Tumor?“
Der Arzt tastete sanft ihren Unterbauch ab, zog sich einen Handschuh über und griff vorsichtig in ihr Inneres.
„Ihr Tumor wird in etwa fünf Monaten auf die Welt kommen“, stellte der Arzt trocken fest.
Weibi konnte es nicht fassen.
* * *